Archiv für Februar 2015

NMS: Ein Blick hinter Mark Prochs bürgerliche Fassade

Wir dokumentieren einen auf indymedia-linksunten erschienen Artikel mit einigen der dazu gehörenden Photos:

[NMS] Mark Proch gibt sich bürger(meister)lich? Wir machen den Nazi-Check!

Die Todesstrafe für Pädosexuelle fordern, Mut antrinken vor der ersten Ratsversammlung, antifaschistische JournalistInnen mit Steinen beschmeißen – der Neumünsteraner NPD-Ratsherr Mark Michael Proch ist bisher kaum positiv in Erscheinung getreten. Nun gibt sich der 49jährige, der für die extrem rechte NPD zur Oberbürgermeisterwahl in der Stadt an der Schwale antritt, bürgerlicher: Für das Foto, mit dem seine Kandidatur angekündigt wurde, hat er sich in Schale geworfen (weißes Hemd und graues Sakko, gewinnendes Lächeln, dazu ein nettes Straßencafé-Ambiente), im Internet drängt er seine KameradInnen dazu, sich verbal zurückzuhalten. Hat sich seine Einstellung etwa gewandelt? Wir machen den Nazi-Check.

Hinweis: Dafür, dass Nazis die deutsche Sprache so wichtig ist, enthalten Prochs Posts und seine Anträge an die Ratsversammlung hanebüchene Fehler, die in den Zitaten mit [sic!] gekennzeichnet sind.

Punkt 1: Opfermythos – Nazis, das sind immer die anderen

NPD-AktivistInnen klagten schon mehrfach gegen die Betitelung als „Nazis“ – die direkten Bezüge zum Nationalsozialismus können allerdings kaum in Frage gestellt werden, wenn beispielsweise Udo Voigt, der bis 2011 NPD-Parteivorsitzender war, Losungen ausgab wie „Das Reich ist unser Ziel, die NPD ist unser Weg!“ oder Hitler als einen „großen deutschen Staatsmann“ bezeichnete. Sein Nachfolger im Amt, Holger Apfel, tat dem bürgerlichem Ruf der Partei mit Sätzen wie „Vorbild können für uns deutsche Nationalisten einzig und allein die Helden der Deutschen Wehrmacht und der Waffen-SS sein, die ihr Leben im Kampf gegen den Bolschewismus gelassen haben.“ auch keinen Gefallen. Auch für den Kreisverband Segeberg-Neumünster lassen sich diese NS-Bezüge aufzeigen, ein Blick auf das Beispiel des Kreisvorsitzenden und NS-Nostalgikers Daniel Nordhorn, der gerne vor Hakenkreuz-Fahnen posiert, genügt da schon.
Der Neumünsteraner Ratsherr Mark Michael Proch agiert u.a. aufgrund seiner politischen Ambitionen zurückhaltender (siehe Punkt 5), er schließt die NPD sogar in die scheinheilige Aufforderung, „alle Demokratischen [sic!] Kräfte der Stadt Neumünster [sollten] sich gegen jede Form von Politischer [sic!] Gewalt aussprechen“ (Kleine Anfrage vom 28.01.14), mit ein. Um den Nazi-Verdacht noch weiter von sich zu schieben, stilisiert er die extrem rechte NPD zum Opfer der Gewalt und der „Hetze“ aller anderen, die er kurzerhand als Nazis oder undemokratisch bezeichnet: er spricht von der Antifaschistischen Aktion als „linker SA“, die Mitglieder des Bündnis gegen Rechts werden als „linksfaschistische Kriminelle“ tituliert und ihnen die „Vorgehensweise von Unrechtsregimen“ unterstellt, usw. Wir vergeben dafür immerhin 3 von 5 Sternen.

Punkt 2: Sündenbock-Strategie – „Alles Pack !“

Schon in den 20er bzw. 30er Jahren versuchten die NationalsozialistInnen, den Menschen mit jüdischen Wurzeln die wirtschaftlich und politisch schwierige Lage der Weimarer Republik in die Schuhe zu schieben und fabulierten von einer angeblichen „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“. Proch, der sich in der Ratsversammlung zurückhält und neben ein paar thematisch in der extremen Rechten zu verortenden Anträgen kaum etwas zu Stande brachte, versucht über seine Inaktivität und seine Inkompetenz hinwegzutäuschen, indem er diese antikommunistischen Ressentiments wieder aufwärmt. Alles und jedeR wird da zur kommunistischen Gefahr, von der Partei Die Linke („Die Linken ! Alles Pack !“, 28. Januar 2015), über das Bündnis gegen Rechts (dem er „Stasi-Methoden“ vorwirft) und die Lokalzeitung „Holsteinischer Courier“ („Scheiß linke Presse !“) bis hin zur Europäischen Union (die bezeichnet er als „EU-Diktatur“ oder wahlweise „EUdSSR“).

Richtig in Fahrt gerät Proch aber erst, wenn es um Flüchtlinge geht. In dem einzigen Artikel, den er bisher im Organ der NPD Schleswig-Holstein veröffentlichte, stellt er in rassistischer Manier alle Flüchtlinge unter Generalverdacht: Sie würden „Asylbetrug“ begehen sowie in der Nachbarschaft der Erstaufnahmeeinrichtung in Neumünster auf Raubzug gehen. Insbesondere mit People of Color scheint Proch seine Probleme zu haben: Dem von ihm geteilten Lied „Nicht tolerant“ von Kraftschlag & Lunikoff, in dem es „Politisch nich korrekt bin ich ein dumpfer Stiefelträger, ich sag nich Afrodeutscher, nein ich sage N…, setz ich die Lunte neu in Brand“ (Das Wort „N…“ wird im Liedtext ausgeschrieben und -gesprochen) heißt, folgend, bewertete Proch die Kette seines Kameraden Daniel Below als „N…SCHMUCK“ (auch Proch schreibt das Wort selbstverständlich aus). Prochs Hauptargument gegen die NPD-Konkurrenzpartei „Alternative für Deutschland“ war dann auch, dass er hinter einem ihrer Infotische einen People of Color entdeckt hatte: „Ja ne is klar… ! und das will ER uns erzählen ! Is ja lächerlich !“.

Weil der Bundesintegrationsrat Karamba Diaby, seit 2001 deutscher Staatsbürger, rassistische Propaganda stärker verfolgen und den §130 StGB verschärfen wollte, zeterte Proch: „Er ist kein Deutscher ! wenn es ihm nicht passt kann er in seiner Heimat Zensur und Willkür durchsetzen ! Noch ist das hier unser Land !“ Antisemitische Äußerungen sind bei Proch – anders als u.a. bei Daniel Nordhorn – (bisher) jedoch nicht bekannt, daher vergeben wir nur 3 von 5 Sternen in dieser Kategorie.

Punkt 3: Nazi-Vokabular – Von „Lügenpresse“ über „Arbeit macht frei“ bis hin zu „Untermensch“

Schon mehrfach qualifizierte Proch die mediale Berichterstattung als „Lügen Presse [sic]“, ein Begriff, der nicht zuletzt aufgrund seiner Nazi-Vergangenheit zum „Unwort des Jahres“ ernannt wurde. Dass sich der NPD-Ratsherr in Bezug auf das Lügen an die eigene Nase fassen sollte, zeigen die Pädosexuellen-Demos, die der damals noch unbekannte Mark Michael Proch mit seiner Frau Sonja im Jahr 2012 organisierte: Damals entlarvten AntifaschistInnen schnell die extrem rechten Hintergründe der Demonstrationen, das Ehepaar Proch leugnete bis zuletzt jedoch, etwas mit der NPD zu tun zu haben oder auch nur „rechts“ zu sein, und verklagte vor diesem Hintergrund sogar ein Mitglied des Bündnis gegen Rechts wegen Verleumdung. Interne Papiere des NPD Kreisverbands belegen jedoch, dass es bereits im November 2011 ein Treffen des NPD-Kreisvorsitzes mit dem zukünftigen NPD-Ratsherrn gegeben hatte.

Kurz nach dem Gewinn des 59. Eurovision Song Contests durch Conchita Wurst teilte Proch eine Fotomontage (13. Mai 2014), in der in fetten Lettern „Untermensch“ unter dem Konterfei des Künstlers prangt, das durch Blut besudelt erscheint. Auf Prochs Facebook-Seite kommentierte einer seiner Freunde einen Eintrag des NPD-Ratsherrn über die Gartenarbeit („Viel geschaft [sic!] mit DEUTSCHEM fleiß [sic!]!“) folgendermaßen: „arbeit macht frei ---- mein reden seit 33″ (07. April 2012), was einen klaren Bezug auf den Holocaust darstellt. Proch selbst teilte eine Werbung für ein Nazi-Onlineradio mit dem Spruch „Hören macht frei“. Für so viel „fleiß [sic!]“ vergeben wir 4 von 5 Sternen.

Punkt 4: Gewalt als politisches Mittel – „den Gegner jagen“ und „der gehört abgeschlachtet“

Um das bürgerlich-demokratische Image, das Proch aufzubauen versucht, nicht zu gefährden, vermeidet er es bisher weitgehend, selbst Interviews zu geben und Posts oder Texte zu schreiben. In seinen Facebook-Gruppen rief er zur Mäßigung auf und löschte teilweise strafbare Posts – allerdings betonte er, er stehe hinter den Inhalten und könne seine KameradInnen verstehen, müsse als Administrator aber darauf achten, dass nach außen ein „seriöser“ (08.01.2013) Eindruck entstehe. Zu denken gibt aber das Bild eines Schlagrings mit dem Schriftzug „Anti-Antifa“. Dass Proch auch aktiv Anti-Antifa-Arbeit unterstützt, zeigt das Beispiel eines Aktivisten des Bündnis gegen Rechts, dessen Photo Proch mit dem Hinweis „Vorsicht Linksextremist !“ im Internet (weiter)verbreitete – einer seiner Kameraden urteilte: „drecksack der gehört abgeschlachtet“.

Aufschlussreicher noch sind die Lieder, an deren Verbreitung in sozialen Netzwerken sich Proch fleißig beteiligt. Auf der Playlist des NPD-Ratsherrn stehen einschlägige Hooligan-Gruppen wie „Kategorie C“: In dem Lied „So sind wir“, das Proch am 23.12.2013 teilte, heißt es „Das Herz schlägt schneller – Adrenalin. Den Gegner jagen, vor den Bullen fliehen. Die Hände schwitzen, die Augen werden groß, wir haken und ein und dann geht es los“. Das Lied „Warum“ der Rechtsrock-Band „Nordfront“ (von ihm am 31.08.2012 geteilt) enthält die Forderung nach der Todesstrafe für Pädosexuelle: „Als perverses Schwein wurdest du geboren, in diesem Leben hast du verloren, drum fordern wir für alle Länder: Todesstrafe für Kinderschänder!“ Ein Konzert der Lübecker Szeneband Einherjer, deren Titel „Club 88″ auf Prochs Playlist steht, wurde 2010 mit einem Plakat beworben, auf dem u.a. eine mit Sturmhaube bekleidete Person mit Maschinengewehr posiert. Seinen mantraartig auf Facebook wiederholten Aufruf „Wehr dich“ untermalt er am 29.09.2013 mit dem Cover eines Albums der extrem rechten Band „Hassgesang“ aus dem Raum Brandenburg, deren ersten beiden Alben von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien indiziert wurden und neonazistische Texte wie den folgenden enthalten: „Adolf Hitler, im Kampf für unser Land. Adolf Hitler, sein Werk verteufelt und verkannt. Adolf Hitler, du machtest es uns vor. Adolf Hitler, Sieg Heil tönt es zu dir empor.“ Am häufigsten tauchen auf Prochs Facebook-Seite allerdings Songs der Band „Sturmwehr“ auf, die „in eine juristisch kaum angreifbare Sprache gekleidet [sind], um Verbote jeglicher Art zu vermeiden.“ In einem der Lieder des „Sturmwehr“-Ablegers „Sturm 18″ heißt es jedoch: http://www.zeit.de/gesellschaft/zeitgeschehen/2013-02/hammerskins-neonaz…)“>“Wir werden Terroristen sein, wir räumen hier auf, wir räuchern sie aus, macht der Rattenbande den Garaus.“, ihr Album „Ehre, Stolz und Tradition“ steht auf dem Index für jugendgefährdende Trägermedien (siehe Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien: Bekanntmachung Nr. 7/2014 über jugendgefährdende Trägermedien).

Eine interessante Auswahl für jemanden, der wie schon oben erwähnt den Appell an die Ratsversammlung richtete, sich von jeglicher politischer Gewalt zu distanzieren – die Tatsache, dass er dabei war, als eine Gruppe von NPD-Funktionären und Aktivisten aus dem Kameradschaftsspektrum im November 2013 antifaschistische JournalistInnen mit Steinen und Radkappen angriff, macht seinen Antrag nicht glaubhafter. Wir geben 5 von 5 Sternen.

Punkt 5: Verherrlichung des Nationalsozialismus – „Adolf Hitler lebt“

Auch um mehr über Prochs politische Gesinnung zu erfahren lohnt sich ein Blick auf seine Playlist. Proch, dem ein Arbeitskollege der Neumünsteraner Zeitarbeitsfirma AVGL auf dessen Facebook-Seite den Titel „deutscher Führer“ gab, teilte u.a. „Die letzte Division“ der schon erwähnten Gruppe „Sturmwehr“. Darin heißt es in Anspielung auf die Rassenlehre: „Prachtvoll und rein ist unsere Art, bekennt euch zu dem was ihr schon immer wart. Es strömt durch unsere Adern germanisches Blut“. Die vermeintliche Überlegenheit der „weißen Rasse“ taucht auch im Lied „Über Gräber vorwärts“ von „Gigi und die braunen Stadtmusikanten“ auf: „Über uns die Schwarze Sonne in einer weißen Welt. Über Gräber vorwärts, auch wenn alles hier zerfällt.“
Dasselbe; auf dem Album „Adolf Hitler lebt“ erschiene Lied des durch den „Dönerkiller“-Prozess bekannt gewordenen Daniel „Gigi“ Giese sehnt das großdeutsche Reich wieder herbei. In dem auf dem Album „Adolf Hitler lebt“ erschienen Lied singt Giese: „Von den blauen Bergen der Vogesen schallt ein Ruf, der bis zur Mühle von Tauroggen widerhallt. Von Nordschleswigs Königsau auf deutschem Grund bis Salurn in Südtirol ist diese Kraft mit uns im Bund.“ Pure NS-Nostalgie bringt Mark Proch zum Ausdruck, wenn er Titel wie „Nationaler Widerstand“ der Szenelegende „Stahlgewitter“ bewirbt („Hier marschiert der nationale Widerstand, alte Kämpfer, wir reichen Euch die Hand. Wehrmachtsoldaten – wir gedenken Eurern Heldentaten.“), gleiches gilt für die aus Itzehoe stammende Band „Kraftschlag“, deren Frontmann Jens-Uwe Arpe 1992 in einem Interview verkündete, seine Ideale seien „1945 aufgehängt worden“. Zu Michael „Lunikoff“ Regener, der mit Jens-Uwe Arpe und seinen Kameraden das unter Punkt 2 erwähnte Lied „Nicht tolerant“ aufnahm, bzw. zu „Lunikoffs“ Band „Landser“ befand der Generalbundesanwalt: „Die Band ist rechtlich als eine kriminelle Vereinigung einzustufen, deren Zweck und Tätigkeit darauf gerichtet ist, Volksverhetzungsdelikte zu begehen und zu Straftaten aufzufordern. Das Ziel der Gruppe besteht nach dem Selbstverständnis ihrer Mitglieder darin, den „Soundtrack zur arischen Revolution“ zu liefern. Hierzu produziert und vertreibt die Band Musikstücke, in denen zur Begehung schwerer Straftaten – unter anderem Brandstiftung und Mord – aufgefordert wird. Die Liedtexte weisen volksverhetzende Inhalte auf. Sie sind geprägt von rassistischen, nationalistischen und antisemitischen Hasstiraden; sie rufen zu Gewalt gegen Ausländer, Juden, Sinti und Roma sowie politisch Andersdenkende auf.“

Auch wenn sich Proch selbst mit eindeutigen Aussagen zurückhält, verdient er für seine Playlist, in der es von nationalsozialistischem Gedankengut nur so wimmelt, 5 von 5 Sternen.

In den einzelnen Kategorien konnte Oberbürgermeisterkandidat Mark Michael Proch folgende Punktzahlen erringen:

Opfermythos 3/5
Sündenbock-Strategie 3/5
Nazi-Vokabular 4/5
Gewalt als politisches Mittel 5/5
Verherrlichung des Nationalsozialismus 5/5
Gesamtpunktzahl 20/25

Fazit: Proch kann im Nazi-Check punkten, muss aber noch zulegen, wenn er z.B. die militanten Freien Kameradschaften für sich gewinnen will. Als Ziele, die er verfolgt, nennt er in einem Interview mit dem Organ der NPD Schleswig-Holstein u.a. den „Aubau [sic!] und […] Stärkung nationaler Strukturen“, darüber hinaus will er „die Missstände in unserer Stadt wirksam […] bekämpfen“ – mit welchen Mitteln, dürfte angesichts seiner Einstellung zur Gewalt bzw. seiner Verherrlichung des Nationalsozialismus klar sein. Was Neumünster droht, falls Proch es schafft, genug Protestwähler-Stimmen sowie Stimmen aus dem bürgerlichen Lager zu gewinnen, wird bei einer Analyse seiner kleinen Anfragen aus dem November 2014 deutlich: Ungefähr zur gleichen Zeit, als der Dortmunder Neonazi Dennis Giemsch, der für die Partei „Die Rechte“ im Stadrat sitzt, die Bekanntgabe der Adressen von LokalpolitikerInnen sowie die Zählung der in Dortmund lebenden Juden „aufgegliedert nach Stadtbezirken“ forderte, wollte Proch von der Verwaltung wissen, welche Einzelpersonen im „Runden Tisch für Toleranz und Demokratie“ sitzen und wie viele Unterkünfte für Flüchtlinge in Neumünster es neben der Erstaufnahmeeinrichtung gibt und vor allem wo sich diese genau befinden. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.“

Quelle: https://linksunten.indymedia.org/de/node/134204 Hier finden sich auch alle zum Artikel gehörenden Photos sowie die im Text enthaltenen links zu weiteren Artikeln.

Presse über PEGIDA-Ableger im Norden

Wir dokumentieren die kritische Berichterstattung über die Versuche schleswig-holsteinischer Nazis, im Norden braune PEGIDA-Ableger zu organisieren:

Artikel des shz

Video des NDR Schleswig-Holstein Magazin

Text des NDR-Beitrags:

Rechtsextreme starten erste Shegida-Versuche


Mark Michael Proch kennt das, vor einer Menschenmenge zu stehen und per Megafon die Stimmung anzuheizen, gleich ob gegen den Staat oder gegen Pädophile. Im September 2012 steht er vor dem Rathaus in Neumünster und brüllt in den Lautsprecher: „Wenn dieses Feuer übergreift auf andere Städte und Gemeinden, dann werden wir keine kleinen Lichter mehr sein. Dann werden wir die Sonne sein.“ Es ist eine Demonstration gegen einen verurteilten Sexualstraftäter. Proch sitzt für die NPD im Stadtrat von Neumünster – ist als Wortführer aber vor allem auf der Straße aktiv. Jetzt versucht er, die Pegida-Proteste nach Schleswig-Holstein zu bringen. Als Administrator betreut er den größten Ableger auf Facebook: „Shegida – Schleswig-Holsteiner gegen die Islamisierung des Abendlandes.“ Die Gruppe hat rund 270 Mitglieder.

NPD-Mann gut vernetzt
„Mark Michael Proch ist eine Schlüsselfigur“, sagt Peter Matthiesen vom „Bündnis gegen Rechts“ aus Neumünster. „Er hat gute Verbindungen zu den Kameradschaften.“ In den geschlossenen Gruppen finden sich daher auch zahlreiche ranghohe NPD-Funktionäre, Mitglieder rechtsextremer Kameradschaften und der militanten rechtsextremen Szene. Gut ein halbes Dutzend solcher Gruppen gibt es. Die landesweite „Shegida“, dazu noch Gruppen etwa in Kiel oder Nordfriesland. Mit insgesamt etwas mehr als 500 Mitgliedern sind die Gruppen allerdings noch überschaubar.

„Wird Zeit, dass die Araber mal verprügelt werden“
Bislang bleiben die Aktivitäten vor allem auf Diskussionen in den Foren der sozialen Netzwerke beschränkt – gespickt mit zahlreichen islamfeindlichen Kommentaren: „Wird Zeit, dass die Araber mal verprügelt werden“, schreibt ein Nutzer etwa. So bestätigt auch das Innenministerium, dass die „verfassungsfeindliche Motivation der meisten Nachahmer auf der Hand“ liege. Über den Aufruf zu Montagsdemonstrationen und erste Treffen sind die Gruppen offenbar bislang nicht hinausgekommen.


Eines dieser ersten Treffen hat nach NDR Informationen in der „Titanic“ in Neumünster stattgefunden. Die Gaststätte gilt als der Treffpunkt der rechtsextremen Szene – auch über Neumünster hinaus. Ihr Betreiber Horst Micheel ist ebenfalls Mitglied bei Shegida. Er streitet auf Nachfrage aber ab, etwas mit dem Online-Profil zu tun zu haben. Die Rechten würden seinen Namen seit Längerem benutzen. 2013 trat Micheel als NPD-Kandidat zur Stadtratswahl in Neumünster an. „In der ‚Titanic‘ geht die militante rechtsextreme Szene ein und aus“, sagt Rechtsextremismus-Experte Andreas Speit. „Genauso aber auch moderate Rechtsextreme, Alltagsrassisten, aber auch aggressive Rocker.“ Speit recherchiert seit Jahren zum Rechtsextremismus in Deutschland und hat mehrere Bücher über die Szene geschrieben.


Funktionäre, Kameradschaften und Militante
Kurz vor Weihnachten taucht im Internet eine Webseite der Bürgerinitiative „Bund für Deutschland“ auf. Als Verantwortlicher im Impressum steht „Horst Micheel“, die Vereinsanschrift ist dieselbe, wie die der „Titanic“. Unter dem Slogan „Das Volk steht auf, der Sturm bricht los“ trat der Verein für den Vorrang „deutscher Interessen“ und eine „Begrenzung des Ausländeranteils“ ein. Die Webseite ist mittlerweile aus dem Netz verschwunden, zur Vereinsgründung kam es nie. Eine Art „Testballon, um zu schauen, ob der Aufruf zu Demonstrationen in Schleswig-Holstein auf fruchtbaren Boden fällt“, vermutet man im Neumünsteraner „Bündnis gegen Rechts“.


„SA Faldera extremer als die NPD“
Viele der Titanic-Gäste finden sich auch in der Mitgliedsliste der Shegida-Gruppe im Internet. Einer von ihnen: Rene „Attacke“ M.. Auf Fotos, die dem NDR vorliegen, posiert M. mit einer Gruppe von 15 jungen Männern in einem Garten. Mit der rechten Hand spannt er eine alte Reichskriegsflagge, eine schwarz-weiß-rote Fahne mit Eisernem Kreuz. Es ist ein Foto der „Sturmabteilung Faldera“, einer extrem rechten Kameradschaft aus der Nähe von Neumünster. „Gruppen wie die SA Faldera sind deutlich extremer als die eigentliche NPD“, sagt Peter Matthiesen vom „Bündnis gegen Rechts“.
Rechtsextreme treiben Shegida voran

Mark Michael Proch, Horst Micheel und Rene M.: ein NPD-Funktionär, ein Gastwirt eines rechten Szenetreffs und ein Mitglied der rechtsextremen Kameradschaftsszene. Sie alle treffen sich bei Shegida, um gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes zu wettern. NPD-Ratsherr Proch wollte sich auf Anfrage nicht dazu äußern. Ein Sprecher verwies aber auf eine Erklärung des NPD-Landesverbandes: Demnach werde man seine Mitglieder und Sympathisanten dazu aufrufen, sich an Demonstrationen zu beteiligen, sollte Pegida auch nach Schleswig-Holstein kommen.

„Im nördlichsten Bundesland ist es wirklich so, dass die rechtsextreme Szene die Shegida vorantreibt“, sagt Extremismus-Experte Speit. „Die haben das nicht unterwandert, Rechtsextreme haben es gegründet und wollen es durchführen.“ Hier werde gezielt versucht, die Stimmung im Land aufzugreifen und rechtsextremes Gedankengut in die Mitte der Gesellschaft zu tragen. In Schleswig-Holstein ist die Pegida-Bewegung tief verwurzelt im rechtsextremen Milieu.

Lob der Antifa im Tagesspiegel

Wir dokumentieren einen kontrovers diskutierten Artikel:

„Danke, liebe Antifa!
24.01.2014 17:43 Uhrvon Sebastian Leber

Sie gelten als Krawallmacher, Störenfriede, Chaoten. Dabei ermöglichen sie uns ein Leben, in dem Rechtsextreme die Rolle spielen, die ihnen zusteht: Nämlich keine. Zur Verteidigung einer viel gescholtenen Subkultur.

Was wäre, wenn es keine Antifa gäbe?

Gäbe es den Widerstand nicht, hätten Rechtsextreme bald keine Hemmschwelle mehr, in der Öffentlichkeit zu agieren. Sie könnten ungestört Flugblätter verteilen: vor Supermärkten, vor Schulen, in Fußgängerzonen. Sie könnten Druck ausüben und anderen ihre Werte aufzwingen. Mich stört es schon, dass ich zu Hause in der Bergmannstraße ständig von Umweltschützern angesprochen werde, die mich zu einer Mitgliedschaft überreden wollen. Ich bin dankbar, dass es keine Rechtsextremen sind, die über den Holocaust diskutieren möchten. Wer sagt, man müsse sich mit Nazis argumentativ auseinandersetzen, hat keine Ahnung von der Realität in ostdeutschen Provinzen.

„Gegen Nazis protestieren ist gut, aber das kann man doch auch anders machen.“ Dieser Satz kommt meist aus dem Mund von Leuten, die überhaupt nichts gegen Nazis unternehmen. Oder Symbolpolitik machen, ohne irgendwas zu erreichen außer dem eigenen guten Gefühl. Ein Beispiel dafür ist der jährliche Naziaufmarsch in Dresden: Der wurde schon mehrfach gestoppt, weil Antifa-Gruppen zu Blockaden aufgerufen hatten. Hinterher werden aber stets die Bürger gelobt, die sich auf der anderen Elbseite im Kreis an den Händen festhielten. In der Tagesschau werden jedes Jahr die Falschen gefeiert.

Nicht alle Linken sind gute Menschen. Es gibt ausgesprochene Dummköpfe unter ihnen, und wenn sie – jede andere Form von Gewalt ist natürlich nicht tolerierbar – Mülleimer anzünden oder Bushaltestellen demolieren, ist das ärgerlich und falsch. Aber auch zu verkraften.

Man kann das wohl zynisch finden, aber es ist wahr: Zur Aufgabe der Polizei zählt es, gewalttätige Linke festzunehmen. Und zur Aufgabe der Antifa gehört es, unnachgiebig mit Widerstand zu drohen.

Mich beruhigt es, in einer Stadt zu leben, die eine starke, aktive Antifa hat. Weil ich dann sicher bin, dass in meinem Kiez keine Nazis die Meinungshoheit übernehmen.

Ach ja, übrigens: Diese Menschen machen das ehrenamtlich.“