Archiv für November 2016

#KeinVergessen: Heute vor 78 Jahren – Die Reichspogromnacht in Neumünster


Lange Zeit herrschte die Meinung vor, dass in Neumünster anlässlich der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938 „nicht allzu viel passiert“ sei [1]. Das Ausmaß des Terrors erscheint gemessen an den Geschehnissen in anderen Städten begrenzt, was aber einfach darauf zurückzuführen ist, dass es in Neumünster keine Synagoge gab (in Segeberg bestand der Vorstand der Synagoge im Jahre 1938 aus drei Neumünsteranern [2]), die die Nazis in Brand hätten stecken können, und es zudem wegen der weitgehend umgesetzten „Arisierung“ zu diesem Zeitpunkt kaum noch Menschen jüdischen Glaubens in der Stadt an der Schwale gab. Bereits unmittelbar nach der Machtergreifung 1933 begannen in Neumünster antisemitische Aktionen:

So wurde im „Holsteinischen Courier“ schon am 31.3.1933 zum Boykott jüdischer Geschäfte aufgerufen [3], 1935 veranstaltete die SA eine antisemitische Kundgebung mit zwanzig LKWs in der Innenstadt [4], usw. Nichtsdestotrotz bleiben die Novemberpogrome 1938 in Neumünster abscheulich: Jüdische Geschäfte wurden zerstört, Familien aus dem Schlaf gerissen und misshandelt, das Inventar ihrer Wohnungen kurz- und kleingeschlagen, Scheiben eingeschlagen, alle jüdischen Männer verhaftet. Die Verhafteten wurden tagsüber in einem Prangerumzug durch die Stadt getrieben, [5] mit Schildern um den Hals mussten sie durch die Holstenstraße auf den Großflecken ziehen [6].

Die Männer wurden für die Dauer einiger Monate im KZ Sachsenhausen interniert, Ende 1939 verblieben nur ein knappes Dutzend jüdische Einwohner in Neumünster [7], 1938 waren es noch rund doppelt so viele gewesen. Von diesen 21 Menschen jüdischen Glaubens, die 1938 in Neumünster gemeldet waren, überlebten nur fünf den Holocaust [8]. Gemessen an diesem Schicksal erscheinen die Strafen für viele der Verwantwortlichen für den Holocaust nahezu lächerlich: Herbert Hagen aus Neumünster, ein Vertreter der jungen antisemitischen SS-Generation, die die „Lösung der Judenfrage“ planten und maßgeblich an ihrer Realisierung mitwirkten, kam nach dem Krieg bereits nach vier Jahren wieder auf freien Fuß. [9]

Quellen:
[1] http://www.shz.de/lokales/holsteinischer-courier/rundgang-gegen-das-vergessen-id249774.html
[2] Friedrich Gleiss: Jüdisches Leben in Segeberg vom 18. bis 20. Jahrhundert: gesammelte Aufsätze aus zwei Jahrzehnten mit über 100 Fotos und Dokumenten. BoD – Books on Demand, 2002, S. 162.
[3] http://www.nms-bunt-statt-braun.de/121.html#c349
[4] http://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/m-o/1413-neumuenster-schlewig-holstein
[5] http://www.shz.de/lokales/holsteinischer-courier/rundgang-gegen-das-vergessen-id249774.html
[6] http://www.nms-bunt-statt-braun.de/arisierung.html
[7] Bettina Goldberg: Abseits der Metropolen: die jüdische Minderheit in Schleswig-Holstein. Wachholtz, Neumünster 2011, S. 445.
[8] Gleiss 2002, S. 162.
[9] http://www.akens.org/akens/texte/info/33/333407.html

#NMS2210: Von einer gebrochenen Hand, Schlägen ins Gesicht und Einschränkung der Pressefreiheit – Statement zur Polizeigewalt

Wir, die Antifaschistische Aktion Neumünster, beziehen im folgenden Stellung zum Einsatz der Polizei am 22.10. in Neumünster, insbesondere zu den BFE-Einheiten aus Eutin.
Bereits im Vorfeld der Demonstration wurde klar, dass versucht werden würde, die Nazis auf jeden Fall laufen zu lassen. Angefangen mit Parkverboten in umliegenden Straßen bereits am Vorabend, gefolgt von einer großräumigen Absperrung des Bahnhofsgeländes am 22. selbst und Umleitungen im öffentlichen Nahverkehr wurden massive Einschränkungen der Neumünsteraner Bevölkerung in Kauf genommen. Passant*innen, die an den auf dem Postparkplatz postierten BFEler*innen vorbeikamen, berichteten von einer “unheimlichen, aufgeheizten Stimmung“. Diese entlud sich dann im Laufe des Tages mehrfach gegen Gegendemonstrant*innen. Einem anreisender Genosse wurde bereits auf dem Weg in die Innenstadt die Hand mit einem Tonfa gebrochen, nach einer Operation ist er durch einen Gips bis auf weiteres im Alltag eingeschränkt. Ein andere Genosse wurde scheinbar willkürlich wegen angeblichem Widerstand festgenommen. Mehrere Genoss*innen wurden zudem mit Faustschlägen, auch und vor allem gegen den Kopf, attackiert, was zum Glück aber „nur“ angeschwollene Gesichtspartien zur Folge hatte. Wir verurteilen dieses Verhalten auf‘s Schärfste, es kann nicht sein, dass die Polizei mit solch gewalttätigen Mitteln gegen friedliche Demonstrant*innen vorgeht. Hier sollte vielleicht einmal die Frage gestellt werden, inwiefern in der Ausbildung von BFEler*innen Wert auf die Einhaltung von menschlichem und deeskalativem Verhalten gelegt wird.

Die Demonstration des rechten Mobs hingegen wurde wohlwollend begleitet. Durchgängige Vermummung der Teilnehmer*innen wurde auf interessierte Nachfrage hin verteidigt, die Presse in ihrer Arbeit massiv behindert. Dadurch, dass die Polizei zum einen die Alternativroute der Rechten am AJZ vorbeilaufen ließ, und zum anderen der NPD-Ratsherr Mark Proch auch noch eine Zwischenkundgebung davor abhalten durfte, herrschte
zweitweise ein stark erhöhtes Gefahrenpotential für die Einrichtung der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, das auch von Kindern und Jugendlichen mit Fluchthintergrund genutzt wird. Proch hetzte in übelster Manier gegen das Jugenzentrum, bezeichnete es als “Hort linksextremer Gewalt“, gegen den man “etwas tun müsste“ – das in dieser aufgeheizten Situation keine Angriffe erfolgten, ist wohl nur auf die anwesende Presse zurückzuführen. Dass es dabei nicht bleiben sollte, zeigte die Tatsache, dass einige Tage nach Prochs indirektem Gewaltaufruf mehrere Glasscheiben an der Fassade des Gebäudes eingeschlagen wurden. Während der Abschlusskundgebung wurden dann antisemitische Verschwörungstheorien propagiert, während einige Nazis Pressefotograf*innen Gewalt androhten. Gründe, die Demonstration abzubrechen, bzw. auf eine Kundgebung am Bahnhof zu beschränken, hatte die Polizei an diesem Tag mehr als genug. Sie entschied sich dennoch, mit massiven Materialeinsatz (unter anderem Wasserwerfer, Räumpanzer und Hubschrauber) und Personalaufgebot sowie starken Einschränkungen in der Bewegunsfreiheit der Neumünsteraner Bevölkerung wenigstens eine Alternativroute zu gewähren. All das, um den verdrehten, menschenverachtenen Ansichten von 43 jämmerlichen Gestalten einen öffentlichen Raum zu geben. Es ist nicht das erste Mal, dass die Polizei mit übermäßiger Kooperation mit Rechten von sich Reden macht: Auf der Demonstration des rechten Bündnisses “Neumünster wehrt sich“ am 23.04. wurde den Demonstranten sogar ein Polizeibus zur Verfügung gestellt, um sie zu ihren geparkten Autos zu chauffieren. Verantwortlich war damals auch besagte Eutiner BFE-Einheit (vgl. https://www.youtube.com/watch?v=dLSaBfct7PA //ab Minute 15).

Wir fordern alle, die am 22.10. von Polizeigewalt betroffen waren und auch Menschen, die solche an dem Tag beobachtet haben, auf, sich bei der Roten Hilfe zu melden. Unsere Solidarität ist stärker als ihre Repression! Egal wie sehr ihr unseren Protest auch kriminalisiert, ihr werdet ihn nicht verhindern können.

Antifaschistische Aktion Neumünster

[NMS] Einmal im Kreis: 43 Nazis lungern am Neumünsteraner Bahnhof rum

+++ 300 Antifas verhindern Aufmarsch von 43 Neonazis durch die Neumünsteraner Innenstadt +++ Polizei schafft staatlich national-”befreite”-Zone am Bahnhof und geleitet Mini-Demo auf Mini-Route an der AJZ vorbei +++ Rechte Kneipe “Titanic” angegriffen +++

Etwa 300 Antifaschist*innen haben gestern in Neumünster dafür gesorgt, dass gerademal 43 Neonazis, die dem Aufruf der NPD-nahen Initiative “Gemeinsam für Deutschland” gefolgt waren, nur eine wenige hundert Meter kurze Runde um den Bahnhof drehen konnten. Verschiedene Blockaden und Antifa-Mobs in Bewegung hatten die eigentlich angemeldete Route des geplanten Aufmarsches in der Innenstadt unpassierbar gemacht.

Bereits seit dem Morgen hatten omnipräsente Polizeikräfte den kompletten Bahnhofsvorplatz abgeriegelt und für alle Nicht-Nazis zur No-Go-Area gemacht. Als ab 10.15 Uhr Großgruppen von Antifaschist*innen mit Zügen aus mehreren Städten am Bahnhof eintrafen, war der Bahnhof nur noch in der gegenüberliegenden Seite Richtung Postparkplatz zu verlassen. Als sich von dort mehrere Dutzend Antifaschist*innen in Bewegung setzten, gelang es den zur Bewachung der Bahnunterführungen und Begleitung abgestellten Polizist*innen jedoch trotz brutalen Pügelattacken nicht, die Menge daran zu hindern, sich im Laufschritt ihren Weg auf die Innenstadtseite zu bahnen. Hier bildeten sich ab 11 Uhr auf der angemeldeten Nazi-Route verschiedene Blockaden: Am Großflecken, wohin auch das Neumünsteraner Bündnis gegen Rechts zu Gegenprotesten mobilisiert hatte, versperrten zwischenzeitlich 150 Menschen den Weg, während es in unmittelbarer Nähe des Bahnhofs etwa 40 weiteren Gegendemonstrant*innen gelungen war, eine Sitzblockade auf dem Kuhberg zu errichten. Weiterlesen

Presse zu #NMS2210: NDR-Videobeitrag +++ Artikel bei Blick nach Rechts +++ Photos von Fabian Schumann +++ Photos von Wut auf der Straße +++